Institutsgeschichte

Ursprünge
Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung wurde 1914 in Berlin gegründet und ist damit eines der ältesten Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (KWG), die 1911 gegründet wurde. Das Institut entstand aus der „Neurologischen Zentralstation“, einem privaten Forschungsinstitut, das 1898 von Oskar Vogt gegründet und zusammen mit seiner Frau Cécile Vogt geleitet wurde. Beide waren führende Neuroanatomen, ihre Übernahme in die KWG war ein Glücksgriff für die deutsche Hirnforschung [1-4].
Von 1901 bis 1910 war Korbinian Brodmann neben den Vogts an der Neurologischen Zentralstation tätig. Er etablierte 1909 die zytoarchitektonische Klassifikation der kortikalen Areale, die heute noch verwendet wird; z.B. stellt das Brodmann-Areal 17 den primären visuellen Kortex dar). Oskar Vogts eigene wissenschaftliche Leistungen lagen ebenfalls auf dem Gebiet der Zytoarchitektonik und Myeloarchitektonik.

Lenins Gehirn
In den 1920er Jahren beschäftigte sich Oskar Vogt intensiv mit der Frage, ob es hirn-morphologische Korrelate geistiger Fähigkeiten gibt, und untersuchte dazu “Elitegehirne” neuroanatomisch. Als Lenin 1924 an einer Hirnblutung starb, wurde sein Gehirn in Formaldehyd konserviert und aufbewahrt. 1926 wurde Vogt von der Sowjetregierung damit beauftragt, nach histologischen Spuren für „Lenins Genie“ zu forschen. Für diese Arbeiten wurden ihm in Moskau Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, ab 1928 sogar ein großes und repräsentatives Backsteingebäude, das von einer amerikanischen Firma konfisziert worden war. Vogt half, in diesem Gebäude das Moskauer Institut für Hirnforschung (Institut Mozga) aufzubauen, das er dann auch leitete. Zwischen 1926 und 1930 reiste Vogt mehrfach nach Moskau, um die Arbeiten an Lenins Gehirn persönlich zu betreuen. Die Untersuchungen wurden von russischen Mitarbeitern ausgeführt, die an Vogts Berliner KWI für Hirnforschung dafür besonders ausgebildet worden waren. 1927 veröffentlichte Vogt in Moskau einen vorläufigen Bericht seiner Befunde und schloss aus den histologischen Ergebnissen, dass Lenin ein “Assoziationsathlet” gewesen sei – eine Schlussfolgerung, die einigen seiner neurologischen Kollegen und Gegenspieler weit hergeholt erschien. Lenins Gehirn wurde für einige Zeit im Lenin-Mausoleum ausgestellt und ruht nun im Moskauer Hirnforschungsinstitut [5].

Das KWI in Berlin-Buch
Der Erste Weltkrieg verzögerte die Planung eines Neubaus für das KWI für Hirnforschung. Das erste eigene Institutgsgebäude wurde erst 1931 in Berlin-Buch eingeweiht. Es war das weltgrößte und modernste Hirnforschungsinstitut seiner Zeit, mit Abteilungen für Neurophysiologie (Tönnies und Kornmüller), Neurochemie (Marthe Vogt und Veit), Genetik (Timoféeff-Ressovsky), einer Forschungsklinik (Soeken, Zwirner), sowie den Neuroanatomischen Abteilungen von Oskar und Cécile Vogt [1-4]. Vogts kritische Bemerkungen über den Nationalsozialismus, seine protektive Haltung gegenüber jüdischen Mitarbeitern des Instituts, sowie seine Freundschaft zu Kommunisten und Sozialisten in der Sovietunion und Frankreich führten dazu, dass Vogt 1937 in den vorzeitigen Ruhestand gedrängt wurde [5]. Die Vogts zogen nach Neustadt im Schwarzwald und gründeten dort ein neues privates Hirnforschungsinstitut, wiederum mit finanzieller Unterstützung durch die Industriellenfamilie Krupp, die schon Vogts erstes privates Institut in Berlin gefördert hatte.
1937 wurde Hugo Spatz [6], ein Schüler von Franz Nissl, als Vogts Nachfolger zum Direktor des KWI für Hirnforschung und Leiter der Neuroanatomischen Abteilung berufen. Während seiner Amtszeit entstanden die weiteren Abteilungen für Histopathologie (Hallervorden [7]) und Tumorforschung (Tönnis) geschaffen. Ein Schwerpunkt der histologischen Untersuchungen von Spatz und Hallervorden stellte die Pathologie des extrapyramidalen/motorischen Systems dar. In einer gemeinsamen Studie hatten sie erstmals 1922 eine autosomal-rezessiv vererbliche Erkrankung aus der Gruppe der neuroaxonalen Dystrophobien beschrieben, die später den Namen Hallervorden-Spatz-Syndrom, aktuell NBIA-Syndrom (Neurodegeneration with Brain Iron Accumulation), erhielt.

Ein düsteres Kapitel der Institutsgeschichte
Zwischen 1940 und 1945 waren Hallervorden and Spatz in die Greueltaten des Nazi-Regimes verstrickt, als sie die Gehirne von "Euthanasieopfern" zu Forschungszwecken verwendeten [7]. Viele Jahre lang lagerten die aus diesen Hirnschnitten stammenden histologischen Präparate zusammen mit Forschungsmaterial aus anderen Zeiträumen im Archiv unseres Institutes (inzwischen Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt). Nachdem diese Verstrickungen in das Euthanasie-Programms des Dritten Reichs aufgedeckt wurden, wurde sämliches zwischen 1933 und 1945 erworbene histologische Material 1990 von der Max Planck Gesellschaft auf dem Münchner Waldfriedhof beerdigt, und es wurde ein Gedenkstein für die Opfer dieser Greueltaten errichtet.

Gründung der Max Planck Gesellschaft
Nach 1945 wurden die verschiedenen Abteilungen des KWI für Hirnforschung an Standorte in Dillenburg, Giessen, Köln, Marburg und Göttingen verlegt. 1948 wurde die Max Planck Gesellschaft als Nachfolgeorganisation der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gegründet und das KWI erhielt den Namen Max-Planck-Institut für Hirnforschung. Direktor Hallervorden ging 1955 und Hugo Spatz 1959 in den Ruhestand. 1962 wurde das neu errichtete Max-Planck-Institut für Hinforschung in Frankfurt-Niederrad fertiggestellt, in dem die Abteilungen für Neurobiologie (Hassler, Direktor 1959-1982) und für Neuropathologie (Krücke, Direktor 1956-1979) sowie die Nachwuchsgruppen "Evolution des Primatengehirns" (Stephan) und "Neurochemie" (Werner) untergebracht wurden. Rolf Hassler, ein Schüler von Oskar Vogt und Mitarbeiter des berühmten Freiburger Neurologen Richard Jung, erforschte subkortikale Hirngebiete, thalamo-kortikale Verbindungen, die Basalganglien und das limbische System. Wilhelm Krücke, ein Schüler von Hallervorden, war ein anerkannter Spezialist für periphere Neuropathien. Er war der Grund für den Umzug des Instituts nach Frankfurt, da er neben seiner Position als Direktor die Leitung des Edinger-Instituts, des neuropathologischen Instituts der Frankfurter Universitätsmedizin, übernommen hatte. 1982 wurde die ehemals zum KWI gehörende Abteilung für Allgemeine Neurologie, die nach Köln verlegt worden war, aus dem Institut ausgegliedert und als eigenständiges Max-Planck-Institut für Neurologische Forschung in der selben Stadt gegründet, während die übrigen versprengten Abteilungen des früheren Instituts mit der Emeritierung ihrer Direktoren geschlossen wurden.

Zeitgeschichte
1981 beschloss die MPG die thematische Neuausrichtung des MPIH auf nicht-klinische neurobiologische Grundlagenforschung. Das Institut bestand von nun an aus dreu Abteilungen,  Neuroanatomie (Wässle, Direktor 1981-2008), Neurophysiologie (Singer, Direktor 1982-2011) und etwas später für Neurochemie (Betz, Direktor 1991-2009). Heinz Wässle erforschte die Struktur und Funktion der Retina des Säugetierauges, Wolf Singer untersucht höhere kognitive Funktionen besonders im Sehsystem (visueller Cortex) und Heinrich Betz analysierte den molekularen Aufbau von Synapsen. Ihre wissenschaftlichen Leistungen sind auf den Emeritus-Seiten unserer Homepage dargestellt.
Für den Zeitraum 2000 bis 2010 definierte die Max-Planck-Gesellschaft die Analyse neuronaler Netze als Forschungsschwerpunkt des Instituts. 2008 wurden Erin Schuman und Gilles Laurent zu Direktoren der Abteilungen ‘Synapische Plastizität’ beziehungsweise ‘Neuronale Systeme’ berufen. Die neuen Abteilungen nahmen ihre Arbeit im Sommer 2009 auf, wobei sie zunächst in Interimsräumen auf dem Campus Riedberg der Goethe-Universität Frankfurt untergebracht waren. Wärenddessen wurde auf dem Campus ein Institutsneubau gegenüber dem MPI für Biophysik errichtet, der 2013 bezogen werden konnte. Der Neubau bietet eine zeitgemäße Forschungsinfrastruktur für die Abteilungen von Moritz Helmstaedter (seit August 2015 Direktor am Institut), Laurent und Schuman, für mehrere Nachwuchsgruppen (Tatjana Tchumatchenko, Johannes Letzkus, Hiroshi Ito und Julijana Gjorgjieva) und der Max-Planck-Forschungsgruppe Neurogenetik‘ von Peter Mombaerts.

Ernst-Strüngmann-Institut
Im Jahr 2008 wurde auch das Ernst-Strüngmann-Institut (ESI) gegründet, dessen Zielsetzung die Forschung auf dem Gebiet der kognitiven Neurowissenschaften ist. Das ESI wird von der Ernst-Strüngmann-Stiftung finanziert und von der MPG wissenschaftlich betreut. Pascal Fries wurde 2009 zum ersten Direktor des ESI und Wissenschaftlichem Mitglied der MPG berufen und nahm 2010 seine Arbeit in Niederrad auf. Das ESI hat inzwischen das ehemalige Gebäude des MPI für Hirnforschung in Frankfurt-Niederrad übernommen. Das Gebäude beherbergt derzeit neben der Abteilung Fries die Emeritus-Gruppe von Wolf Singer (Senior Research Group Leader am ESI) und die Abteilung von Hermann Cuntz.

Literatur und Links
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Vogt  
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Cécile_Vogt
[3] Jochen Richter (1996) Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung und die Topographie der Großhirnhemisphären. In: Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und ihre Institute (Hrsg. B. von Brocke & H. Laitko). Walter de Gruyter, Berlin & New York, 1996, pp. 349-408.
[4] I. Klatzo (2002) Cécile and Oskar Vogt: The visionaries of modern neuroscience. Acta Neurochirurgica Suppl. 80. Springer-Verlag Wien - New York
[5] J. Richter (2000) Zytoarchitektonik und Revolution - Lenins Gehirn als Raum und Objekt. Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 23: 347-362. J. Richter (2007) Pantheon of brains: The Moscow Brain research Institute 1925-1936. J. Hist. Neurosci. 16:138-49.
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Spatz
[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Hallervorden
[8] H.-W. Schmuhl (2000) Hirnforschung und Krankenmord. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung 1937-1945. Aus: Forschungsprogramm „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“, herausgegeben von der Präsidentenkommission der Max-Planck-Gesellschaft.
Artikel abrufbar unter: http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/KWG/Ergebnisse/Ergebnisse1.pdf
Andere Artikel dieses Forschungsprogramms sind abrufbar unter:
http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/KWG/publications.htm #Ergebnisse



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