Aktuelles

Dienstag den 9. April 2015
Umfassende Transparenz im Umgang mit der eigenen Geschichte - neue Spuren der verbrecherischen Forschung im Dritten Reich entdeckt


Links: Julius Hallervorden (1882-1965); rechts: Hugo Spatz (1888-1969)

Das Max-Planck-Institut für Hirnforschung trägt die schwere Last der Verbrechen, die im Namen der Wissenschaft an seinem Vorgängerinstitut, dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung im Dritten Reich begangen wurden. Direktoren des damaligen Instituts, insbesondere Julius Hallervorden und Hugo Spatz, unterstützten die Tötung („Euthanasie“) von Kindern und Erwachsenen, bei denen psychiatrische Erkrankungen vermutet oder nachgewiesen waren. Hallervorden und Spatz nutzten die Gehirne der Getöteten für ihre Forschung noch bis in die 1960er Jahre – also deutlich nachdem die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) in die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) übergegangen war.
Hirnschnitte, die von diesen ermordeten Patienten stammten, verblieben im Besitz des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung bis in die 1980er Jahre. Erst dann entdeckte die neue Generation von Max-Planck-Direktoren deren Existenz dank der Forschungen von externen Historikern. Diese Hirnschnitte wurden 1990 in einer offiziellen Zeremonie auf dem  Waldfriedhof in München beerdigt, wo die Max-Planck-Gesellschaft ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer errichtete. 1997 setzte die MPG eine Historikerkommission ein, die sich mit den Verbrechen von Wissenschaftlern der KWG im Dritten Reich auseinandersetzte und deren Ergebnisse in einer umfangreichen Buchserie veröffentlicht sind. Der damalige MPG-Präsident Hubert Markl entschuldigte sich 2001 im Namen der MPG bei den Opfern dieser Verbrechen.

Zudem hat kürzlich die Max-Planck-Gesellschaft eine umfassende und mit erheblichen Mitteln ausgestattete historische Kommission eingesetzt, die die Nachkriegsgeschichte der MPG untersuchen wird. Eine ihrer Aufgaben wird sein, den Umgang mit der KWG-Geschichte durch MPG-Wissenschaftler und Verwaltungsvertreter zu untersuchen. Darin eingeschlossen sind die Taten solcher Wissenschaftler, die im Dritten Reich in Verbrechen involviert waren, namentlich Hallervorden und Spatz.

Zusätzlich zu diesen Aktivitäten der MPG haben wir, die heutigen Direktoren am Max-Planck-Institut für Hirnforschung, eine erneute Untersuchung der dunklen Geschichte unseres Instituts angestoßen. Wir haben unseren emeritierten Kollegen Heinz Wässle gebeten, der Vermutung nachzugehen, dass die 1990 beerdigten Hirnschnitte auch aus anderen Quellen als der sogenannten “Hallervorden Sammlung” stammen könnten. Während dieser Untersuchungen entdeckte Wässle unter den Materialien des MPG-Archivs in Berlin einige Dutzend weiterer verdächtiger Hirnschnitte, die zusammen mit Akten der Hallervorden Sammlung 2001 dem MPG-Archiv übergeben worden waren. Wässle konnte Hinweise dafür finden, dass einige dieser Hirnschnitte von Getöteten aus dem sogenannten “T4” Euthanasie - Programm des Dritten Reichs stammen könnten.

Diese neue Entdeckung schockiert uns zutiefst, und sie zeigt, dass auch 70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs noch immer Spuren der damaligen Gräueltaten der Offenlegung harren. Der Präsident der MPG hat nach dieser Entdeckung erneut eine Untersuchung veranlasst. Die entdeckten Hirnschnitte sollen, nachdem ihre Herkunft so präzise wie möglich ermittelt ist, nach heutigem Stand der Diskussion würdig bestattet werden.

Wir haben uns entschieden, sofort über diese neuen Entdeckungen zu informieren. Wir sind für volle Transparenz, und wir möchten weitere Untersuchungen durch interne und externe Experten ermutigen.

Die Taten von Wissenschaftlern an unserer Vorgängerinstitution im Dritten Reich erfüllen uns mit tiefer Scham. Wir sind überzeugt, dass diese schreckliche Geschichte in ihrem gesamten Ausmaß aufgedeckt werden muss, und dass sie Anlass sein muss, die ethischen Voraussetzungen für wissenschaftliches Handeln immer wieder zu reflektieren und zu vermitteln.

Erin Schuman, Gilles Laurent, Moritz Helmstaedter, Heinz Wässle und Wolf Singer - Direktoren und emeritierte Direktoren am Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt

Interactive

ShareThis
ShareThis